Donnerstag, 5. Juni 2014

Naturbildung im Kindergarten - ein neues Thema?

Wann beginnen Kinder sich mit Naturphänomenen zu beschäftigen? Und ist „elementares Naturforschen“, wie Donata Elschenbroich (2005, 13) es nennt, etwa die Beschäftigung mit Naturwissenschaften? Wohl kaum, mögen viele Erwachsene antworten und in ihrem Kopf Bilder aus ihrer eigenen Schulzeit haben: Bilder an den Biologieraum, der vielleicht wie ein Hörsaal aussah; oder Bilder an stinkende Chemieversuche und an physikalische Versuchsaufbauten zum Thema Magnetismus oder Elektrizitätslehre.
Ja, das hat etwas mit naturwissenschaftlicher Bildung zu tun, aber doch nicht die Spielereien der kleinen Kinder, die noch dazu manchmal in Matscherei ausarten! In ihrem Buch „Weltwunder – Kinder als Naturforscher“ schreibt Donata Elschenbroich über Eltern, deren Kind eine Überschwemmung im Badezimmer verursacht hat: „Wir hätten Schweinerei sagen können. Aber wir haben es Experiment genannt.“ (Elschenbroich 2005, 34).

Und doch haben zahlreiche Untersuchungen ergeben, dass bereits Kleinkinder über intuitive Theorien zu Physik und Biologie verfügen. Dieses Wissen nützt den Kindern im Alltag, auch wenn ihre Theorien nicht immer kompatibel sind mit den „richtigen“ Theorien der Erwachsenen. Allerdings sollte man an dieser Stelle als Erwachsener nicht überheblich werden: der Psychologe Friedrich Wilkening beschreibt, dass „Physikprofessoren in handlungsnahen Physikaufgaben [sich] unglaublich blamieren können und manchmal, zum Beispiel wenn sie Bälle werfen sollen, weniger wissen als Kinder“ (Kahl 2006, 78).

Wie entsteht dieses intuitive Naturwissen?
Donata Elschenbroich beschreibt in ihrem oben genannten Buch elementare Naturerfahrungen der Kinder im Alltag: die Chemie und Physik des Putzens ebenso wie Erfahrungen mit Naturgesetzen beim Schaukeln und Wippen. Sie sagt: „Leben ist elementare Biologie und Physik“ (Jampert, Leuckefeld, Zehnbauer & Best 2006, 102). Und wie sollte es auch anders sein: Menschen lernen mit ihrem Körper, und der gehört für die Naturwissenschaftler zur Biologie. Die spätere Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard ist auch über körperliche Bedürfnisse zur Biologie gekommen: Gutes Essen auf einem Bauernhof, auf dem sie oft als Kind zu Besuch war, hat ihr Interesse geweckt (Kahl 2006).

Wie wichtig und prägend solche frühen naturwissenschaftlichen Erfahrungen sind, zeigt eine Untersuchung von Gisela Lück: Da bisher keine Langzeituntersuchungen vorliegen zur Frage, welchen Einfluss eine frühkindliche Heranführung an naturwissenschaftliche Themenfelder hat, wertete sie biographische Daten zur Studienwahl aus. Bei insgesamt 1345 Anfängern des Chemiediplomstudiums hatten die außerschulischen Erfahrungen den zweitgrößten Einfluss auf die Berufswahl. Davon hatten die Erfahrungen aus der Vorschule den größten Stellenwert (Kahl 2006).

Das Thema Naturwissenschaften scheint erst in letzter Zeit durch die Bildungspläne in den Kindergärten Einzug gehalten zu haben. Bei genauerem Hinsehen fällt allerdings auf, dass auch bisher schon viel naturwissenschaftlich gearbeitet wurde. Wir wollen einen Blick darauf werfen, wo überall Naturwissenschaften drinstecken:

Bewegung
Bewegung ist Physik mit dem Körper. Für Fähigkeiten des Alltags, wie die Einschätzung von Geschwindigkeiten, ist das eigene Erleben und Erproben die Voraussetzung. Viele intuitive physikalische Theorien der Kinder sind vermutlich durch das Erleben physikalischer Gesetzmäßigkeiten mit dem eigenen Körper entstanden.
Ein Beispiel dafür sind die Hebelgesetze, die Kinder im Kindergärten auf der Wippe täglich erfahren können. Mancher Erwachsene erinnert sich vielleicht noch an die Formel. Die Kinder wenden dieses Prinzip schnell sicher an, sie wissen wer wie schwer ist und sich wo hin setzen muss, damit sie zusammen wippen können. Kinder, die diese Erfahrungen ausführlich mit dem eigenen Körper gemacht haben, haben auch kaum Schwierigkeiten, diese Erfahrungen auf die Funktion einer Balkenwaage zu übertragen, die nach dem gleichen Prinzip funktioniert.

Musik
Bereits kleine Kinder erzeugen gerne Töne, indem sie zum Beispiel mit einem Plastikrührlöffel auf einen Kochtopf schlagen. Dabei entsteht ein anderer Klang, als wenn sie auf eine Holzschüssel schlagen. Auch Holzblasinstrumente haben einen anderen Klang als Blechblasinstrumente.

Malen
Kinder stellen beim Malen mit Wasserfarben aus dem Tuschkasten fest, dass Rot und Gelb Orange ergeben. Wie sehr sie sich aber bemühen, Blau können sie nicht selber mischen. Damit haben sie die Grundlagen der Farblehre entdeckt.
Wenn den Kindern verschiedene Farbarten zur Verfügung stehen, können sie erfahren, dass Wachsmalfarben andere Eigenschaften haben als Plakafarbe oder Tuschfarbe. Sie haben verschiedene Konsistenzen, unterschiedliche Deckkraft und Leuchteigenschaften.

Bauen / Konstruktion
Beim Bauen erleben die Kinder die Gesetze der Schwerkraft und Statik. Egal, ob die Kinder mit Bauklötzen aus Holz einen Turm bauen oder andere Materialien aufstapeln: wichtig ist, dass der Turm sich im Gleichgewicht befindet, damit er nicht einstürzt.
Das Bauen mit Legosteinen auf einer Platte in die Höhe ist da schon einfacher, weil die kleinen Noppen unter den Legosteinen auf der Platte für einen zusätzlichen Halt im Vergleich zu den glatten Holzbausteinen sorgen. Aber auch mit Lego gibt es Verbindungen, die stabiler sind als andere: die Kinder finden im Laufe der Zeit heraus, dass es günstiger ist, nach Art der Maurer eine verzahnte Anordnung der Steine zu wählen. Ohne diese Verzahnung stürzt die Wand schneller ein.

Kochen und Backen
Beim Kochen und Backen kommen Kinder mit sehr unterschiedlichen chemischen Reaktionen in Berührung.
Backpulver entwickelt beim Backen Kohlenstoffdioxid, das den Kuchen aufgehen lässt. Hefe hat die gleiche Aufgabe, aber im Vergleich zu dem (chemischen) Backtriebmittel Backpulver handelt es sich um ein (biologisches) Lebewesen: Hefepilze.
Manche Vorgänge mögen den Kindern paradox anmuten: Nudeln kocht man in Wasser, damit sie weich werden, Eier, damit sie hart werden. Hinter diesem Paradoxon stecken unterschiedliche Phänomene: beim Eierkochen denaturiert das Eiweiß, beim Nudelnkochen löst sich die in den Nudeln enthaltene Stärke im Wasser.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Naturwissenschaften schon immer ihren Platz in den KiTas hatten. Durch die neuen Bildungspläne wird der Fokus auf ihre Bedeutung gelenkt. Das ist gut so. Es muss und soll aber nicht bedeuten, dass nun alle Aktivitäten in den Kitas anders werden müssen. Unser Blickwinkel allerdings sollte sich verändern: Er sollte geschärft werden für die Schönheit der Natur und für die Bedeutung der Naturwissenschaften.

Literatur

Elschenbroich, D. (2005). Weltwunder: Kinder als Naturforscher. München: Kunstmann.

Jampert, K., Leuckefeld, K., Zehnbauer, A. & Best, P. (2006). Sprachliche Förderung in der Kita: Wie viel Sprache steckt in Musik, Bewegung, Naturwissenschaften und Medien? Weimar: Netz.

Kahl, R. (2006). Die Entdeckung der frühen Jahre: Die Initiative Mc Kinsey bildet. zur frühkindlichen Bildung. Archiv der Zukunft.

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