Donnerstag, 12. Juni 2014

Wirkungen von Naturwissenschaften im Kindergartenalter

Naturwissenschaftliche Aktivitäten im Kindergartenalter schulen vielfältige Wirkungen:

Viele Versuche bedürfen verschiedener feinmotorischer Fähigkeiten.
Beim Füllen eines Reagenzglases geht schon mal etwas daneben. Ich hatte mehrfach Kinder beim Experimentieren, die mit Eifer dabei waren: beim Eingießen und Ausgießen und nicht bei den geplanten Versuchen. An dieser Stelle bietet es sich an, dass die Kinder ihre Feinmotorik üben (dürfen). Man kann diese Übungen den naturwissenschaftlichen Angeboten vorschalten. Beispiele für solche Vorübungen finden sich bei Brausewetter (2012).

Das naturwissenschaftliche Arbeiten erfordert genaues Beobachten. Es ist ein sehr sinnliches Erleben, bei dem die Sinne geschärft werden.
Bei chemischen Experimenten werden nicht nur die Nahsinne Hören und Sehen zur Informationsbeschaffung genutzt. Auch der Geruch spielt eine entscheidende Rolle: viele Stoffe haben einen charakteristischen Geruch, an dem man sie erkennen kann. Es ist sinnvoll, den Kindern zu zeigen, wie Chemiker an einer Substanz riechen: durch vorsichtiges Zufächeln. Denn manche Stoffe sind schon in kleinen Mengen für unsere Nase unangenehm und zum Teil auch gefährlich. Wie das richtig geht, kann man auf folgendem Foto sehen: http://3.bp.blogspot.com/-s5I793mliyk/TV70I7M_OlI/AAAAAAAAClI/CRIYpEqB8YE/s1600/Fl%25C3%25BCssigkeit2_klein.jpg [12.6.2014].
Der Wärmesinn der Hände ist gefragt bei Versuchen, bei denen die Temperatur eine Rolle spielt.
Auch der Geschmackssinn kommt manchmal zum Einsatz. In diesem Bereich dürfen Kinder aber nie selbständig experimentieren!
Bei verschiedenen physikalischen Versuchen wie Wippen und Schaukeln wird der Gleichgewichtssinn geschult.

Lück (2009) hat in ihrem „Handbuch der naturwissenschaftlichen Bildung“ beschrieben, dass sich viele Kinder, insbesondere auch verhaltensauffällige und behinderte Kinder, sehr konzentriert mit Naturwissenschaften beschäftigen. Ich kann diese Beobachtung aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Maria Montessori spricht in diesem Zusammenhang von der „Polarisation der Aufmerksamkeit“. Ein sehr schönes Beispiel ist, wie ich finde, unter https://www.youtube.com/watch?v=dmBTSkdIVRA [12.6.2014] zu sehen. Mihaly Csikszentmihalyi nennt es „Flow-Erlebnis“.
Wissenschaftlich untersucht wurde es von Langermann (2007) in ihrer Doktorarbeit zur affektiven und kognitiven Resonanz naturwissenschaftlicher Phänomene bei behinderten Kindern:
Alle Kindergartenkinder lieben Experimente. Bereits das Hantieren mit Materialien wie Pipetten und Schälchen begeistert sie. Dabei machen sie die wichtige Erfahrung, dass Naturgesetze verlässlich sind und stets gleich ablaufen. Das schafft einerseits Erfolgserlebnisse bei den Kindern. Andererseits schafft es Sicherheit. Langermann (2007) hat festgestellt, dass verhaltensgestörte Kinder plötzlich ruhig und konzentriert werden.

Sprache
Die naturwissenschaftliche Förderung im Kindergarten ist untrennbar verbunden mit sprachlicher Interaktion. Die Kinder erweitern ihren Wortschatz um Fachbegriffe verschiedener Art:
- in Form von Nomen zur Benennung von Gegenständen wie Lupe, Mikroskop, Metall oder Nickel
- in Form von Adjektiven zur Beschreibung von Eigenschaften wie gelb, fest, rau, salzig oder flüssig
- und in Form von Verben wie schmelzen, dampfen, riechen, tasten oder Strom leiten.
Die Kinder kommen mit grammatischen Konstruktionen in Kontakt, die sonst seltener benutzt werden:
Bei der Beschreibung naturwissenschaftlicher Handlungen und Beobachtungen wird häufig die 3. Person Singular benutzt und oft auch das Passiv:
- Ein Stück Eisen wird erhitzt.
- Es beginnt nach einiger Zeit zu glühen.

Das Deutsche Jugendinstitut hat in seinem Projekt „Sprachförderung in der Kita“ die Naturwissenschaften auf ihr Sprachförderpotential untersucht; dazu durfte ich in einem Interview meine Erfahrungen beisteuern (vgl. Jampert, Leuckefeld, Zehnbauer & Best 2006, 112 ff). Wenn die Kinder von ihren Beobachtungen berichten, gemeinsam nach Erklärungen suchen und weitere Experimente planen, wird ihre Ausdrucksfähigkeit gefördert. Diese Sprachförderung findet in einem Kontext des Dialoges statt, der für jede Spracharbeit wichtig ist. Im Dialog mit Erzieherinnen und anderen Kindern erweitern sie ihren Wortschatz und erhalten durch die korrekte Sprache der Erzieherinnen ein Vorbild für die richtige Anwendung der Grammatik.

Als weitere Maßnahmen zur Sprachförderung bieten sich an:
Die für die Naturwissenschaften vorbereitete Umgebung kann auch zum Eintauchen in Sprache dienen, indem die Gefäße sowohl mit dem Namen des Inhalts als auch mit einem entsprechenden Symbol versehen werden. Wenn man den Inhalt der Flasche benutzt, weist man die Kinder auf den Schriftzug, z.B. „Wasser“ hin. Später kann man dann die Kinder fragen, in welcher Flasche sich Wasser befindet.
An dieser Stelle noch ein wichtiger Sicherheitshinweis: es ist verboten, Chemikalien in Behältnissen für Lebensmittel aufzubewahren. Dies ist insbesondere beim Arbeiten mit Kindern sehr wichtig, die noch nicht lesen können. Wenn sie eine Mineralwasserflasche sehen, gehen sie davon aus, dass diese auch Mineralwasser enthält. Eine anders lautende Beschriftung können sie noch nicht verstehen. Und selbst lesekundige Erwachsene lesen nicht jedes Mal das Etikett durch!
Die Kinder können beim Experimentieren ebenso die chemischen Elementsymbole (z.B. Cu für Kupfer; siehe http://www.biologie-schule.de/img/kupfer-steckbrief.jpg [12.6.2014]) kennen lernen wie die Schaltzeichen auf Bauelementen für den elektrischen Stromkreis, die als Symbole in Schaltplänen in der Physik und in der Elektrotechnik verwendet werden (siehe: http://cms.sn.schule.de/fileadmin/_special/benutzer/178/klasse3/lb3-1/materialien/schaltzeichen/schaltzeichen.pdf [12.6.2014]).

Sehr eindrücklich wirken auf die Kinder die Gefahrensymbole zur Kennzeichnung der Gefährlichkeit chemischer Substanzen, insbesondere der Totenkopf zur Kennzeichnung giftiger Substanzen. Gefahrensymbole zum Ausschneiden:
Obwohl zurzeit eine neue Gefahrstoffkennzeichnung nach einem weltweit einheitlichen System eingeführt wird, kommt sowohl bei den alten Piktogrammen wie auch bei den neuen der Totenkopf vor (siehe Seite 6 "Gefahrensymbole warnen" unter http://www.chemie-rp.de/uploads/media/AG_Chemie_Experimente_01.pdf [12.6.2014]).

Die Führung eines Forschertagebuches durch jedes Kind bietet sich ebenfalls an zur Sprachförderung. In diesem Experimentierheft können die Kinder ihre Beobachtungen und Erfahrungen beim Experimentieren selbstständig oder mit Hilfestellung durch die Erzieherinnen dokumentieren. Die Kinder können ihre Erfahrungen zeichnerisch festhalten, in Form von Symbolen, die sie schon kennen gelernt haben, oder in kurzen Worten mit Unterstützung durch die Erwachsenen.

Literatur

Brausewetter, K. (2012). Tütensuppe, Matsch und Schaum - Stoffgemische und ihre Trennung. In: Materialien Kindergarten und Vorschule. Freising: Stark.

Jampert, K., Leuckefeld, K., Zehnbauer, A. & Best, P. (2006). Sprachliche Förderung in der Kita: Wie viel Sprache steckt in Musik, Bewegung, Naturwissenschaften und Medien?. Weimar: das netz.

Langermann, K. (2007). Akzeptanz naturwissenschaftlicher Phänomene bei geistig behinderten Vorschulkindern: Untersuchungen zur effektiven und kognitiven Rezeption naturwissenschaftlicher Experimente. Göttingen: Cuvillier.

Lück, G. (2009). Handbuch der naturwissenschaftlichen Bildung: Theorie und Praxis für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen. Freiburg: Herder.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen